Aargauer und Zürcher KVA prüfen gemeinsamen Standort ab 2030

Die Kehrichtverwertungsanlagen Buchs (Aargau), Turgi und Limeco (Dietikon ZH) prüfen ihre langfristige Zukunft gemeinsam. Grund sind umweltrechtliche Bestimmungen, die einen Ersatzneubau in Turgi und Dietikon an den heutigen Standorten infrage stellen. Die bisherigen Kooperationsabklärungen zeigen, dass eine gemeinsame Anlage an einem neuen Standort, verbunden mit einem Ausbau der KVA Buchs, Sinn machen könnte. Unter dem Projektnamen EVA (Effiziente Verwertung von Abfall) läuft jetzt die Suche nach potenziellen Standorten an.

Heute Mittwochmorgen haben die Präsidenten und Geschäftsführer der KVA Buchs, Turgi und Limeco das Projekt EVA der Öffentlichkeit vorgestellt. Die Medienkonferenz fand in der Umweltarena in Spreitenbach statt. «Das passt doppelt», sagte Roger Huber, Präsident des Gemeindeverbands Kehrichtverwertung Region Baden-Brugg, der das Projekts namens der KVA Turgi initiiert hatte: «Erstens ist unser Ziel, die effiziente Verwertung von Abfall in Zukunft gemeinsam zu meistern, auch ein Umweltanliegen. Und zweitens liegt dieser Ausstellungsort für Nachhaltigkeitsthemen zwischen Turgi und Dietikon – sozusagen als verbindendes Element.»

Die KVAs Turgi und Limeco verbindet eine Herausforderung: Wenn die Anlagen um das Jahr 2030 ihr Lebensende erreicht haben werden, würde ein Ersatzneubau an den heutigen Standorten womöglich nicht bewilligt. In Turgi, wo die KVA zwischen Limmat, Strasse und Bahngleis „eingeklemmt“ ist, besteht ein möglicher Konflikt mit dem verschärften Gewässerschutzgesetz des Bundes, das unbebaute Uferstreifen vorschreibt.

Im Kanton Zürich hat die Regierung 2016 den Entwurf der Verordnung zum Schutz der Limmataltläufe vorgelegt, die auf die sogenannte Rothenthurm-Initiative zurückgeht – und die KVA Limeco liegt genau in der Pufferzone zum Schutz eines Flachmoors von nationaler Bedeutung, wo baulich enge Grenzen gesetzt sind. Bei der KVA Buchs als drittem Projektpartner ist zwar im selben Zeitraum der Ersatz einer Ofenlinie fällig, dies jedoch ohne rechtlichen Druck auf den Standort. «Im Gegenteil, wir könnten unsere Kapazitäten sogar noch ausbauen», sagt Guido Fischer, Präsident des Gemeindeverbands für Kehrichtbeseitigung Region Aarau-Lenzburg (GEKAL). «Deshalb sind wir sehr interessiert daran, bei einer allfälligen Neuorganisation der Abfallströme im Rahmen des Projekts EVA aktiv mitzureden.»

Die im Sommer 2015 gestarteten Kooperationsabklärungen mithilfe der auf Abfallbehandlung spezialisierten TBF + Partner AG, Zürich, haben denn auch zwei vielversprechende Varianten zutage gefördert, die beide vertieft untersucht werden sollen:

  1. Die aktuellen Verwertungskapazitäten der drei Anlagen von total rund 310'000 bis 330’000 Jahrestonnen werden beibehalten. Die KVA Limeco wird rückgebaut, die KVA Turgi reduziert ihre Kapazität auf rund 70'000 bis 90‘000 Tonnen. Die KVA Buchs verdoppelt ihre Kapazität auf rund 240’000 Jahrestonnen.
  2. Die Verwertungskapazitäten werden auf total rund 380’000 Jahrestonnen erhöht. Die bestehenden KVA von Limeco und Turgi werden rückgebaut, die KVA Buchs erhöht ihre Kapazität auf rund 180’000 Jahrestonnen. An einem neuen Standort wird gemeinsam eine Neuanlage mit rund 200'000 Jahrestonnen gebaut.

Mit der Suche nach einem neuen KVA-Standort (Variante 2) wird das bisher vertrauliche Projekt EVA öffentlich. «Wir wollen Kantone, Anliefergemeinden und Verbände von Anfang an in die Standortsuche einbeziehen, um eine möglichst hohe Akzeptanz unseres Vorhabens in der Bevölkerung und Politik zu erreichen», erklärt Roger Huber. Kantone und Gemeinden sind eingeladen worden, potenzielle Flächen von mindestens 40’000 Quadratmetern zu melden. Die weiteren Abklärungen betreffen auch technische, rechtliche und finanzielle Aspekte und sollen Ende 2017 abgeschlossen sein. 

Ein besonderes Augenmerk gilt dabei der Fernwärme und der Transportlogistik. Alle drei KVA speisen Abwärme in Fernwärmenetze ein. Sollte die Anlage in Turgi oder in Dietikon wegfallen, müsste für das entsprechende Netz eine Ersatzwärmequelle gebaut werden. Wenn sich daraus höhere Wärmekosten für die angeschlossenen Gemeinden ergäben, würde ein finanzieller Ausgleichsmechanismus greifen.

Dasselbe gilt für den Abfalltransport: Gemeinden, die von ihrer neuen KVA plötzlich viel weiter entfernt wären als bisher, dürfte kein Nachteil bei den Transportkosten entstehen. Das Projekt EVA hat nicht nur Effizienz zum Ziel, sondern auch einen allfälligen Ausgleich zwischen den Regionen. Zudem zeichnet sich das Projekt durch seine Ergebnisoffenheit aus. Eine Kooperationslösung wird nur dann angestrebt, wenn sie für alle Partner einen klaren Vorteil gegenüber den eigenständigen strategischen Planungen aufweist, die parallel zum Projekt EVA vorangetrieben werden. Umgekehrt sollen diese das Projekt EVA nicht in eine bestimmte Richtung lenken. Bestes Beispiel ist der geplante Ausbau des Fernwärmenetzes vom Limeco.

«Obwohl wir dadurch massiv mehr Abwärme werden liefern können, sind wir absolut offen dafür, unsere KVA dereinst stillzulegen», sagt Verwaltungsratspräsident Jean-Pierre Balbiani. «Eine eigens in Auftrag gegebene Studie über alternative Wärmequellen belegt, dass sich das ausgebaute Netz nach 2030 auch mit anderen umweltfreundlichen Energien kostendeckend und konkurrenzfähig würde betreiben lassen.»

Regierungsräte befürworten das Projekt

Das Projekt EVA geniesst die politische Rückendeckung der zuständigen Regierungsräte in den Kantonen Zürich und Aargau. Der Zürcher Baudirektor Markus Kägi sagt: «Die heutigen Herausforderungen an eine zukunftsfähige Infrastruktur in der Abfallverwertung können nur mittels Kooperationen gemeistert werden. Die Zusammenarbeit darf nicht an der Kantonsgrenze halt machen. Das geplante gemeinsame Vorhaben verschiedener Akteure aus den Kantonen Aargau und Zürich ist für mich ein ausgezeichnetes Beispiel dafür.» Sein Aargauer Amtskollege Stephan Attiger, Vorsteher des Departements Bau, Verkehr und Umwelt, pflichtet ihm bei: «Wir begrüssen den regions- und kantonsübergreifenden Ansatz sehr. Das ist wichtig, um die beste Lösung zu erarbeiten. Zudem sollen im gesamten Prozess weiterhin alle Beteiligten eng miteinbezogen werden – die Betreiber der KVA, die Verbände, die Gemeinden, die Regionalplanungsverbände, die Kantone. Die neue Lösung sollte nicht nur wirtschaftlich Sinn machen, sondern auch einen volkswirtschaftlichen Mehrwert erzeugen.»